Gib mir ein D

Meine sehr geehrten Patienten!

Heute eins meiner Lieblingsthemen. Und wieder: wer mich persönlich kennt, weiß: das gehört zu den Dingen, nach denen ich schaue, sobald wir mit Ihrer chronisch entzündlichen Darmerkrankung auf dem Weg sind. Die Rede ist von Vitamin D.

Nachdem ich beim letzten Mal geschrieben habe, wie kompliziert die Diagnosestellung bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen mitunter sein kann, und wie uneindeutig manchmal alles ist, jetzt mal was ziemlich Eindeutiges: Vitamin D. Und auch ein ziemlich umfangreiches Thema, es gibt viel dazu zu sagen – oder hier bei I.M. INFORMATION MATTERS besser: zu schreiben.

Heute soll es hier zunächst einmal darum gehen, welche positive Wirkung Vitamin D bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Colitis ulcerosa und M . Crohn hat. Darüber möchte ich Sie informieren.

Vitamin D

Vitamin D kennen viele von Ihnen vielleicht im Zusammenhang mit dem Knochenstoffwechsel. Und das ist auch für Sie in Ihrer Situation mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung wichtig. Grade wenn Sie Cortison erhalten, sollten Sie Vitamin D substituieren (meint: ergänzen, wenn es fehlt), denn Cortison vermindert die Knochendichte, wenn man es längere Zeit einnimmt.  

Und auch unabhängig von Cortison – allein durch die Entzündung in Ihrem Darm kann die Aufnahme von Vitamin D und von Calcium aus dem Darm in Ihren Körper gestört sein.  

Chronische Entzündungen an sich und die “Botenstoffe” der Entzündung (ich schreibe hier mal das Wort, das dafür auch oft gebraucht wird: “Entzündungsmediatoren”), die im Körper unterwegs sind, können den Knochenstoffwechsel stören und sich somit negativ auf die Knochendichte auswirken.  

… Sie ahnen es: das Risiko für Sie, bei CED eine verminderte Knochendichte zu haben oder über die Jahre zu kriegen, ist wirklich erhöht.  

Und damit ist Vitamin D in seiner Eigenschaft als “Knochenstabilisator” schonmal wichtig. Vitamin D sorgt dafür, dass Calcium besser aus dem Darm in den Körper aufgenommen wird und in den Knochen “eingebaut” wird. Das führt letztlich zur Stärkung der Knochen.  

Alleine das ist für mich schon Grund genug, mich bei meinen Patienten um Vitamin D, um ihren Vitamin D Spiegel und auch die Substitution – also das Auffüllen der Speicher im Falle eines Vitamin D Mangels – zu kümmern.   

Was gibt es noch zu sagen, über Vitamin D

Aber es gibt noch etwas anderes, jenseits der positiven Wirkung von Vitamin D auf den Knochenstoffwechsel, etwas absolut Entscheidendes: Vitamin D wirkt anti-entzündlich. Es wirkt gegen Entzündung, es wirkt gegen Entzündungsabläufe im Körper, entzündungshemmend, es stärkt das Immunsystem.

Jetzt wirkt Vitamin D nicht so direkt wie beispielsweise Diclofenac oder ein Antibiotikum. Es ist nicht so, dass Sie bei einem Vitamin D Mangel im Falle einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, M. Crohn oder Colitis ulcerosa Vitamin D nehmen und dann auf die Uhr schauen können, wann die Wirkung einsetzt. Im akuten Krankheitsschub reicht es auch nicht aus, ausschließlich Vitamin D zu nehmen. Aber ein ausreichend hoher Vitamin D Spiegel ist essentiell wichtig, um Ihren Körper und Ihr Immunsystem dabei zu unterstützen, sich im Falle einer Entzündung zu wehren und zu stabilisieren.   

Es wirkt indirekt, wirkt an anti-entzündlichen Abläufen im Körper mit und hemmt die Abläufe, die im Falle einer Entzündung die Entzündung am Laufen halten. Da geht es wieder um den (Achtung, schlimmes Wort)  “Teufelskreis” der bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen stattfindet, ich hatte darüber in Episode 2 geschrieben.

Im Körper gibt es Mechanismen, die bewirken, dass eine Entzündung überhaupt entstehen kann und stattfindet (wie immer: zunächst einmal im Sinne von Abwehr, an sich nichts Schlechtes). Und es gibt Mechanismen, die bewirken, dass eine Entzündung ausheilt. Oft hält sich beides die Waage. Oder viel mehr, eben weil die Entzündung ( = Abwehr im Körper) oft so effektiv ist, steuert der Körper von alleine dagegen. Wenn der Körper das, was ihn stört, was fremd ist, was ihm schaden könnte oder schadet, so lange bearbeitet hat, dass es sich nicht mehr weiter ausbreitet und er es zurückdrängen kann, werden die Entzündungsmechnismen runtergefahren und alles dafür getan, dass das ganze zur Ruhe kommt und ausheilt. 

Aber… das war und ist ja das Dilemma bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen M. Crohn und Colitis ulcerosa. Der Körper hat einige Mühe, sich effektiv zu wehren, die Entzündung geht immer weiter und weiter. Und wenn sich das Gleichgewicht einmal zu sehr in eine Richtung verschiebt, dann wird es sehr schwer, dann hat der Körper Mühe, der Entzündung Herr zu werden und schafft es oft zunächst nicht, deswegen ist ja die Therapie so wichtig.

Gähn ! – hatten wir schon alles , ich weiß.

Aber jetzt Vitamin D (!):

Vitamin D unterstützt all die Abläufe, die im Körper die Entzündung eindämmen können und die Entzündung zum Abheilen bringen können. Es unterstützt somit im weiteren Sinne die Therapie.

Und dafür brauch es aber eben genug Vitamin D. Wenn die Speicher leer sind, kann da keine Unterstützung kommen.

Und das ist noch nicht alles. Was kann Vitamin D noch, speziell für Sie bei Ihrer chronisch entzündlichen Darmerkrankung bewirken?

Tatsächlich gibt es Hinweise, dass Vitamin D die Struktur der Darmschleimhaut, die bei CED angegriffen ist, stärken kann. Zum Beispiel scheinen sich durch Einfluss von Vitamin D die nicht mehr ganz dichten Zwischenräume zwischen den einzelnen Zellen der Darmschleimhaut wieder dichter zu werden – Thema “Barrierestörung“. (Das ist so wichtig. … Ich merke grade: ich möchte unbedingt demnächst nocheinmal ausschließlich über die Barrierestörung schreiben) Und es gibt Hinweise, dass Vitamin D die Reparatur von Zellschäden der Darmschleimhaut beschleunigen kann bzw die Zellen auch generell vor Schädigung schützen kann.  Und es gibt noch zahlreiche andere für CED relevante Mechanismen, die scheinbar durch Vitamin D beeinflusst werden.

Scheinbar, scheint, scheinen … was ist denn jetzt hier von wegen: klare Infomationen – I.M. INFORMATION MATTERS? Geht das nicht genauer als “scheinen”, “scheinbar”..?

Was wissen wir?

Alles das, was ich Ihnen im letzten Absatz aufgeführt habe, ist zum Teil bislang lediglich in Versuchen untersucht worden. (Weiter unten schreibe ich Ihnen mal 3 gute Literaturstellen hin. Wollte ich erst nicht, war mir zu aufwendig, ich dachte wirklich: das ist doch keine „bekloppte“ Doktorarbeit hier. Und Sie müssen diese ganzen Artikel, also die Literatur, natürlich nicht lesen. Machen wir uns nichts vor, Sie würden sie wahrscheinlich nicht verstehen. Das ist echtes „Fachchinesisch“. Aber es ist mir auch wichtig, dass ich hier die relevanten Fakten belege, theoretisch könnte ich Ihnen hier ja sonstwas schreiben, aber – das wissen Sie inzwischen – es geht mir darum, gute, präzise Informationen an Sie weiterzugeben. Immer wieder: I.M. INFORMATION MATTERS

Einige von diesen Untersuchungen fanden auch an Darmzellen von Menschen statt, aber natürlich außerhalb des Körpers, in einer Zellkultur. Es ist einfach nicht möglich, bestimmte Untersuchungen an lebenden Menschen vorzunehmen. Bitte wie wollen Sie mit einem Mikroskop (womöglich noch Elektronenmikroskop) beim lebenden Menschen im Darm …?!

(Und wer von Ihnen vielleicht ganz vorne dran ist, was medizinische Entwicklung angeht, der wird jetzt sagen: Moment, es gibt doch aber … (Stichwort „Mikroendoskopie“). Ja, gibt es. Sehr interessant, ABER …. hier und heute in dem Zusammenhang nichts, was ich ausführen möchte. Viel zu speziell.)

Die Bedingungen in einem Labor unterscheiden sich dann aber doch von den Bedingungen im richtigen Leben und – erfreulicher- und sympathischerweise – unterscheiden wir uns dann doch auch von der Zellkultur einer Versuchsanordnung in einem Labor.

Das sollten wir immer berücksichtigen, auch wenn die Ergebnisse sicher absolut wegweisend sind. Aber deswegen schreibe ich hier auch nicht: so und so ist es. Sondern eben: es gibt Hinweise, es scheint ….

Aber einiges wurde auch im wirklich wahren Leben untersucht und wir wissen ganz sicher: Patienten, die eine chronisch entzündliche Darmerkrankung haben, mit ausreichend hohem Vitamin D:
… sind seltener im Krankenhaus
… müssen seltener operiert werden
… haben seltener einen Rückfall (relapse),
… und zeigen sogar ein besseres Ansprechen auf einige Therapien.
Das hat man wirklich rauf und runter untersucht. Und das hängt alles unmittelbar damit zusammen, was ich oben schrieb: Vitamin D wirkt an antientzündliche Prozessen mit.

 

Warum?

Und nachdem Sie das alles oben gelesen haben, verstehen Sie auch, warum mir das so wichtig ist. Ich hoffe Ihnen ist es jetzt wenigstens ein bißchen wichtig. Vitamin D ist keine Kleinigkeit, es ist für Sie entscheidend. Nicht mehr aber auch nicht weniger als die Tabletten, die Klysmen oder Zäpfchen, die Infusionen oder Injektionen.

Es ist schon so: allein und ausschließlich mit Vitamin D (also einem ausreichend hohen Spiegel, dazu mehr nächste Woche) werden wir Sie

… a) nicht aus einem akuten Schub bei Colitis ulcerosa oder M. Crohn kriegen und

…. b) auch keine Remission (also eine Schub-freie, stabile Krankheitsphase) erhalten.

Aber wir werden Ihre Gesamtsituation verbessern und stabiler machen.

Und ich bin absolut überzeugt, es geht nicht nur darum, mit den sehr wirksamen Medikamenten, die wir erfreulicherweise haben, quasi den An- / Aus-Knopf zu drücken. Es geht immer wieder auch darum, an den kleinen oder auch – wie ich immer häufiger denke – gar nicht so kleinen (s.o. !!) Stellschrauben zu drehen, um für Sie in Ihrer Erkrankung mehr Stabilität zu erreichen.

Da wir jetzt alle verstanden haben wie wichtig und entscheidend Vitamin D ist, lassen sie uns nächstes Mal über die praktische Seite sprechen … schreiben: Substitution.

Meine Patienten kriegen alle Vitamin D. Nicht weil das eine Marotte von mir wäre (wobei … ok, wahrscheinlich ist es schon eine…) sondern weil ich die Werte bestimmt habe und Sie einen zu niedrigen Vit D Spiegel hatten. Einen Vitamin D Mangel. Also : Substitution erforderlich.

Das vielleicht vorab und auch hier und heute schon. Wenn genug Vitamin D da ist, dann ist das ok. Dann hat der Körper diese Reserve, dann können Sie sich freuen, dass er darauf zurückgreifen kann. Immer mehr Vitamin D macht es nicht immer besser. Zu viel Vitamin D ist sogar riskant.

Aber es muß genug da sein, es muß wie wir sagen : im Normbereich liegen. Dazu in der nächsten Episode.

Ich freue mich jetzt schon, nächste Woche dann über das “Wie ?” der Substitution zu schreiben.

Für Sie einmal mehr alles Gute!

Mit den besten Grüßen,
Dr. med.  Susanne Weyrauch

 

Und hier die Literatur, ich habe mal 3 Artikel ausgewählt, in denen das Wesentliche drinsteht:

Gubatan J, Chou ND et al. Systematic review with meta-analysis: association of vitamin D status with clinical outcomes in adult patients with inflammatory bowel disease. Aliment Pharmacol Ther. 2019 Dec;50(11-12):1146-1158.

Garg M, Lubel JS et al. Review article: vitamin D and inflamatory bowel disease – establishing concepts and future directions. Aliment Pharmacol Ther 2012; 36: 324-44

Niehlsen OH, Rejnmark L etal. Role of vitamin D in the natrural history of inflammatory bowel disease. J Crohns Colitis 2018; 12: 742-752

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