Ernährung bei CED - Milch, Laktose und Co.

Meine sehr geehrten Patienten !

Wissen Sie, als ich anfing hier den Blog von I.M. INFORMATION MATTERS zu schreiben, wollte ich – klar – Informationen für Sie als Patient mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung. Einem M. Crohn oder einer Colitis ulcerosa ! Keine Angst – das bleibt auch so. Das ist das allerwichtigste.

Gleichzeitig stelle ich jedoch fest, dass ich  – auch wichtig ! –  auch davon profitiere. Weil es mir wichtig ist, dass Sie hier nicht die … ich sage mal : Allgemeinplätze lesen, die man überall liest. Sondern “gute”  Informationen erhalten, bei denen ein Thema eben nicht nur einseitig betrachtet wird, sondern Sie danach wirklich einen guten Überblick haben, grade mit Blick auf Ihre CED. Und das gelingt natürlich nur, wenn ich mich auch nochmal mit dem jeweiligen Thema befasse.  

Heute zum Beispiel schreibe ich über genau so ein Thema, bei dem ich dachte: “…weiß ich doch lääääängst !!! Alles klar, kann ich einfach `drauf losschreiben…”

Habe ich aber dann doch nicht gemacht. Oder besser: ich hab`s versucht und das hat dann nicht wie sonst ein paar Tage, sondern eine Woche gedauert. Weil mir beim Schreiben aufgefallen ist, was es alles zu berücksichtigen gibt. Und zu dem Thema Milch / Milchprodukte / Laktose gibt es viel (sehr viel !) zu lesen. 

Und was zu lernen – jede Menge interessanter Aspekte. Auch grade mit dem spezielle “I.M.-Blick” auf den Kontext von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, M. Crohn und Colitis ulcerosa

Ich werde in meiner Sprechstunde oft und viel zu Ernährung bei CED gefragt  – Milch und Milchprodukte sind immer Thema. Entweder die Patienten kommen ´drauf, falls nicht: ich komme bestimmt `drauf.

Schon allein, weil ja wirklich ein nicht geringer Anteil von Ihnen als Patienten mit M. Crohn oder Colitis ulcerosa Milchprodukte nicht so gut verträgt. Entweder es gibt tatsächlich eine Laktoseintoleranz (also ich sage jetzt mal : nachgewiesenermaßen mit einem H2-Atemtests) oder es wird einfach nicht vertragen.

Dieses “nicht vertragen” ist bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen häufig. Je mehr Aktivität, desto unbequemer ist die Laktose für den Darm. Aber auch in der Remission machen  Milchprodukte oft Beschwerden.

Insgesamt ist das beim M. Crohn häufiger als bei der Colitis ulcerosa. Wenn Patienten mit M. Crohn einen Dünndarmbefall haben, ist es häufiger als wenn ausschließlich das Colon (also der Dickdarm) betroffen ist. Und bei der Colitis ulcerosa tritt eine Laktoseintoleranz bzw. die entsprechenden Symptome häufiger auf, wenn der ganze Darm befallen ist, also eine sog Pancolitis vorliegt.

... Laktose ist eine Sache

Die Aufspaltung von Laktose durch die Laktase (also das Enzym, das Laktose aufspaltet) findet im oberen Dünndarm, im Jejunum statt.

Bei der “Laktoseintoleranz“, von der wir gemeinhin sprechen, fehlt dieses Enzym, die Laktase. Und die nicht “zerlegte” Laktose wird durch den Darm transportiert, das macht dann die entsprechenden Probleme mit Bauchkrämpfen, viel Luft im Bauch und Durchfällen.

Es gibt im Wesentlichen 2 Gründe, warum die Laktase nicht zur Stelle ist, um die Laktose aufzuspalten: entweder, das Enzym fehlt “einfach”. Meist weil es im Verlauf der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen verloren gegangen ist, seine Funktion eingestellt hat. Das betrifft viele, auch ansonsten gesunde Menschen.

Oder die Funktion der Darmschleimhaut ist beispielsweise eben durch eine chronisch entzündliche Darmerkrankung gestört. Und mit der Funktion der Dünndarmschleimhaut ist die Funktion der Laktase gestört.

Eine gute Nachricht ist, dass man inzwischen weiß, dass das Mikrobiom, also die Darmflora,  die Darmbakterien, an Laktose adaptieren kann, also sich anpassen kann. So dass letztlich geringe Mengen Laktose gut vertragen werden, auch wenn die Aufspaltung im oberen Dünndarm nicht gut funktioniert. Das bedeutet, dass dann geringe Mengen Laktose durchaus vertragen werden.

Laktose bzw. laktosehaltige Produkte =  Milchprodukte können sich nämlich schon in relativ geringen Mengen positiv auf das Mikrobiom auswirken und zwar dahingehend,  dass die Menge von “guten” Darmbakterien (konkret untersucht wurden Bifidobakterien und Lactobacillen) im Darm zunimmt. Besonders bei Milchprodukten wie Joghurt ist das zu beobachten. Die wirken als Probiotika und das ist für den Darm absolut günstig, auch grade bei einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung.

Auf der anderen Seite kann man bei der Laktose in Versuchen durchaus auch eine proinflammatorische Wirkung beobachten. In dem Sinne das entzündliche Abläufe im Körper begünstigt werden können. Dazu gibt es meist in vitro Versuche (bedeutet: im Versuch unter Laborbedingungen. Also nicht im wirklich wahren Leben, das ja viel komplexere Bedingungen bietet), wobei man dann auch isoliert Laktose und nicht Milchprodukte als ganzes untersucht hat. 

...aber nicht die einzigste !

Nun ist Milch oder besser:  sind Milchprodukte nicht gleich Laktose !

Es gibt zahlreiche andere Inhaltsstoffe, die natürlich alle ebenfalls einen Einfluss haben. Zum Beispiel  Fette und Fettsäuren von Milchprodukten. Auch die hat man untersucht und – wie bei der Laktose – gibt es positive Wirkungen (entzündungshemmend, entzündungshemmend speziell bei Colitis (bei Mäusen), stabilisierende Wirkung auf die Darmschleimhaut und die Schleimhautbarriere (genauer gesagt auf die tight junctions, das sind die Verbindungsglieder zwischen den Zellen der Darmschleimhaut) und nicht so positive Wirkungen (immer wieder auch entzündungsfördernd) . 

Milchprodukte liefern  darüber hinaus fettlösliche Vitamine (A,E,D,K), wasserlösliche Vitamine (zB Vitamin C und die B Vitamine), außerdem verschiedene Mineralstoffe,  zum Beispiel Calcium, aber auch Magnesium, Zink, Jod und noch andere. In Milch sind Eiweiße und Hormone enthalten. 

Und wie ich Ihnen schrieb, man hat wirklich viele von diesen Inhaltsstoffen untersucht und hat eine ganz gute Vorstellung davon, wie sie wirken können. Mit Betonung auf können

Denn einheitlich sind die Ergebnisse der Untersuchungen zu diesen Inhaltsstoffen oder Bestandteilen von Milchprodukten im Grunde ganz selten bis nie. Dass die Ergebnisse mit Blick auf Entzündungen uneinheitlich sind, haben Sie jetzt schon verstanden.

In manchen Untersuchungen geht  der Konsum von Milch– und Milchprodukten mit einer höheren Rate von einigen Tumorerkrankungen einher (einigen, nicht allen !). Genauso wurde aber mehrfach gezeigt, dass Milchprodukte grade durch den hohen  Calciumgehalt eher einen protektiven, also einen schützenden Effekt ganz konkret mit Blick auf Darmkrebserkrankungen haben.

Man weiß, dass Calcium sich positiv auf das Entstehen von Herz-Kreislauferkrankungen  auswirkt (also davor schützt !). Und – last not least – haben Milchprodukte durch ihren Calciumgehalt ganz entschieden positive Effekte auf die Knochendichte und den Knochenstoffwechsel. Und in dem Artikel zu Vitamin D hatte ich Ihnen schon geschrieben,  dass grade bei chronisch entzündlichen Erkrankungen wie dem M. Crohn und der Colitis ulcerosa der Knochenabbau begünstigt wird. Und dem kann Calcium entgegenwirken.

Milchprodukte ?- möglich, aber in Maßen

Jetzt denken einige von Ihnen: 

“Ok, mag ja alles sein. Aber ganz  ehrlich ? – auf eine Art sind all diese Informationen eindeutig “Allgemeinplätze”! Bis hierhin gibt es 0,0 speziellen Bezug von Milch/ Milchprodukten zu den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen M. Crohn und Colitis ulcerosa. Alles, was bislang hier steht trifft für mich als Patient mit M. Crohn oder Colitis ulcerosa genauso zu wie auf meinen Nachbarn, der 2 x im Jahr Schnupfen hat.”

Das ist auf eine Art richtig, aber ich wollte Ihnen wirklich einmal aufzeigen, wieviele Aspekte es zu dem Thema zu berücksichtigen gibt. Und diesen mitunter verbreiteten und doch etwas pauschalen Ansatz “böse Milchprodukte” aufbrechen.

Ganz viele Patienten, auch grade mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung nehmen gar keine Milchprodukte zu sich, weil irgendjemand mal gesagt hat : “das sei schlecht !”. Teilweise geschieht das auch auf Anraten ihres Arztes. 

Und meine Patienten (von denen das hier bestimmt einige lesen) wissen, dass ich immer, wirklich immer auf Milchprodukte zu sprechen komme, wenn es um Ernährung geht.

Und ich sage meine Patienten immer : in Maßen ! Vorausgesetzt – klar ! – Sie vertragen es.

Im Schub würde ich Milchprodukte in jeder Form immer ganz weg lassen. Da ist die Schleimhautbarriere einfach zu angegriffen, ich glaube wirklich, da kann Milch und können Milchprodukte Probleme machen.

In der Remission: wenn Sie Milch / Milchprodukte vertragen und womöglich sogar Lust darauf haben – in Maßen völlig in Ordnung !

Es wurde mehrfach untersucht, ob Milchprodukte einen Effekt auf die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen M. Crohn und Colitis ulcerosa haben: in einigen Untersuchungen scheinen Milchprodukte das Risiko für die Entwicklung einer CED zu erhöhen. In anderen scheinen Milchprodukte vor Entwicklung einer CED zu schützen. 

Es gibt auch keine einheitlichen Ergebnisse dazu, ob Milchprodukte bei einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung einen Schub auslösen können. Das wurde mehrfach untersucht und die Ergebnisse lassen einfach keine eindeutige Aussage darüber zu. Man ist der Frage nachgegangen, ob sich der Konsum von Milchprodukten negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken kann – dafür gibt es keinen Anhalt. Es  gibt keinen Anstieg vom CRP beispielsweise oder auch vom Calprotectin

Deswegen: wenn Sie in der Remision Milchprodukte vertragen, dann in Maßen –  ok ! 

Und was ist “in Maßen” ?

Beispiel: Joghurt zum Frühstück – ok (sogar sehr gut. Nicht gleich den ganzen 500 g Becher, aber eine Portion – ok ! Joghurt ist grade bei CED wirklich noch am besten, eben wegen der probiotischen Wirkung), nachmittags 1 x etwas Milch in den Kaffee – ok. Abends an 3 Tagen pro Woche vielleicht ein bißchen Käse (eher durchgereiften, der hat weniger bis kaum Laktose !), wenn Ihnen danach ist (nicht viel bitte) – alles ok. So können Sie es machen. 

Aber : Zum Frühstück Milchkaffee, Cornflakes mit Milch und einen Joghurt. Zwischendrin nochmal Milchkaffee oder Latte Macchiato. Am späten Vormittag nochmal einen Joghurt als Zwischenmahlzeit. Mittagessen womöglich mit  mit Käsesauce, Sahnesauce oder Käse überbacken, nachmittags nochmal Cappuccino oder Milchkaffee oder Latte Macchiato, womöglich noch etwas Eis oder Sahne und abends nochmal Käse – ….ist zu viel !

Ok ? 

Es ist mir ganz wichtig, Ihnen mit diesem Beitrag – mit jedem Beitrag – eben auch die Aspekte zu liefern, die es Ihnen ermöglichen, ein bißchen „differenzierter“ an die Dinge heranzugehen. Eine Basis zu haben, selbst zu entscheiden. Sie gut zu informieren eben. 

Ich hoffe das ist mir gelungen. Schreiben Sie mir gerne Feedback zu diesem oder auch zu anderen Blog-Artikeln an info@information-matters. Ihr Feedback ist mir immer wichtig und willkommen ! 

Somit wünsche ich Ihnen einmal mehr alles Gute !

Beste Grüße, 

Dr. med. Susanne Weyrauch

RELATED TOPICS

Entspannen Sie sich…!

Entspannen Sie sich...! Meine sehr geehrten Patienten !Entspannen Sie sich !Ich meine es ernst. So banal und als Phrase abgedroschen das klingt - ich meine es ganz ernst. Achten Sie darauf,

Das Mikrobiom – macht einen Unterschied …

Mikrobiom - immer wichtig auch bei stress Meine sehr geehrten Patienten ! Jetzt hatte ich Ihnen im letzten Artikel ziemlich ausführlich geschrieben, wie Stress über Nervensignale den Darm beeinflussen kann

Stress – und was passiert am Darm ?

... STress - Auswirkungen auf den Darm Meine sehr geehrten Patienten, Stress steht im Grunde bei allen ganz oben auf der Liste, wenn es darum geht: Was beeinflusst die chronisch

Bloss keinen Stress !

Bloss keinen Stress ! Meine sehr geehrten Patienten, Stress ist ein (leider ?) wichtiges Thema, auch und grade für die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Gleichwohl hat`s

Und was kann da alles passieren ? – Biologika Nebenwirkungen

...Und ? Was kann da alles passieren ? Meine sehr geehrten Patienten,  … das ist die übliche Frage von Patienten mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, einem M. Crohn oder einer