Impfungen bei CED - Teil 1: im allgemeinen

Meine sehr geehrten Patienten !

Letztes Jahr um diese Zeit, als ich langsam angefangen habe, die Artikel für diesen Blog I.M. INFORMATION MATTERS  zu schreiben, war Impfen – aus meiner Perspektive – ein nicht sehr populäres Thema. Und zwar in dem Sinne, dass es im Grunde nicht viel Aufmerksamkeit bekam, nicht allgemein verbreitet und allgemein  präsent war.

Das ist jetzt irgendwie ganz anders. 

Seit Corona / COVID19  überall “besprochen” wird, geht ja eine ziemliche Welle zum Thema Impfen durch (das war jetzt Jargon, aber es wird ja nicht selten auch emotional “diskutiert”, deswegen meine Formuliereung “es geht eine Welle durch”).

Und dabei wird mir – Ihnen sicher auch – immer wieder klar, wie unterschiedlich die Situationen für unterschiedliche Menschen  sind. Denn über Impfungen (und wie notwendig oder eben nicht notwendig die sind) redet bzw. diskutiert es sich viel leichter auf dem Polster von uneingeschränkter Gesundheit. Wenn man aber beispielsweise an einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung oder auch an anderen chronischen Erkrankung leidet und im Falle sogar Medikamente nehmen muß, die das Immunsystem beeinträchtigen und dafür sorgen, dass sich aus einem “NichtImpfen” ein tatsächliches Risiko ergeben kann . . .

. . . dann hat man klarerweise eine vollkommen andere Perspektive auf das Thema.

Ende September ist genau der richtige Zeitpunkt, um Sie hier ganz konkret über das Thema Impfungen zu informieren. Was allgemein für Sie beim Thema Impfungen wichtig ist, welche Impfungen für Sie als Patient mit einer CED wann oder auch unter welchen Voraussetzungen wichtig sind und auch wirklich empfohlen werden.

Impfen ist glaube ich so ein Thema, wo wir auch noch viel “Luft nach oben” haben. Das Thema haben auch Ärzte nicht immer “auf dem Schirm” (ist mein Eindruck). Für Gastroenterologen ist das nicht “Kerngeschäft”, im Grunde kommt man damit wirklich nur in Berührung, wenn man Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, M. Crohn oder Colitis ulcerosa versorgt. Und auch dann geht es im Praxis oder Klinik- oder Ambulanz oft um die Therapie eines schweren Schubes und das ist auch schon komplex genug. Hausärzte sind – glaube ich (kann mich täuschen, bin kein Hausarzt) – mitunter unsicher, weil Sie mit den immer neuen Medikamenten, besonders den Biologika, die für CED-Patienten verwendet werden,  nur begrenzt Erfahrungen haben. Und vielleicht wissen Sie mitunter auch gar nicht genau, was die Patienten eigentlich an Medikamenten bekommen. Denn tatsächlich wird die Medikation meistens vom Gastroenterologen “gesteuert”.

... womit wir wieder bei meinem Lieblingsthemen wären: Information und Kommunikation

Und – womit mir wieder bei meinen Lieblingsthemen Information und Kommunikation wären – oft tauschen sich Gastroenterologen und Hausärzte vielleicht auch nicht genug aus. Dann kann wirklich eine Lücke entstehen und in der Lücke die Frage: – wer kümmert sich denn jetzt um die Impfungen

Also Impfungen

Ganz wichtig, wenn wir uns einmal über die Ursachen für die Notwendigkeit zu impfen Gedanken machen: Ihre chronisch entzündliche Darmerkrankung, Ihr M. Crohn oder Ihre Colitis ulcerosa allein (mit Betonung auf allein, also ausschließlich die Tatsache, dass Sie eine CED haben) erhöht Ihr Infektionsrisiko lediglich im Schub oder bei hoher Krankheitsaktivität (schließt extraintestinale Manifestationen mit ein).

Kann man sich schon vorstellen, denn im Falle eines Schubes ist das Immunsystem, Ihr “Abwehrsystem” beschäftigt  genug und hat Mühe, sich neben der Entzündung im Darm auch noch um Infekte zu kümmern.

Wenn Sie aber ohne viele Medikamente, sagen wir im Falle einer nicht aktivem Proctitis ulcerosa oder einer nicht aktiven Colitis ulcerosa  oder einer nicht aktiven distalen Colitis mit ein bißchen Mesalazin oral oder auch topisch in längerer stabiler Remission sind, ist Ihr Risiko für Infekte an sich wirklich nicht wesentlich erhöht.

Entscheidend für das im Falle erhöhte Risiko für Infekte, und damit auch entscheidend für die Notwendigkeit zu impfen, sind die Medikamente, die Sie nehmen.

Entscheidend ist die Immunsuppression, die Unterdrückung Ihrer körpereigenen Abwehr. Die Medikamente, die Ihre Abwehr unterdrücken, nennt man Immunsppressiva. 

Wenn man jetzt über die Impfungen bei CED-Patienten, also Patienten mit M. Crohn oder Colitis ulcerosa nachdenkt, gilt trotzdem nicht immer einfach:

Patient erhält imnsuppressive Medikamente – impfen !

und / oder

Patient erhält keine immunsuppressiven Medikamente – nicht impfen!

...was nicht ist, kann jederzeit werden - deswegen: Vorsicht ...

Denn Sie und ich wissen, dass eine Remission nicht zwingend immer eine Remission bleibt. Dinge können sich von heute auf morgen ändern, Ursachen gibt es reichlich. 

Von Stress aller Art (meiner Ansicht immernoch der Schub-Auslöser Nr.1), über hormonelle Veränderungen, über “dann doch zu viele Wochen und Monate zu ungesund gelebt”, bishin zu “einfach so” (ob ich daran glaube, weiß ich noch nicht).

Mein Eindruck ist auch seit Jahren, dass in den dunklen, kalten Monaten viele Patienten mit chronisch entzündlicher Darmerkrankung einfach mehr Beschwerden im Bauch und auch mer Krankheitsaktivität haben. Das ist nicht immer ein schwerere Schub, bei dem man zu Immunsppressiva greifen muß, aber das kann  definitiv auch mal ein ebensolcher Schub sein.

Und ich schreibe das auch bei den einzelnen Impfungen noch: besser, man ist mit den Impfungen bei Patienten mit einer CED  einfach immer “a jour”, “up to date” oder einfach: “auf dem neuesten Stand” und muß nicht erst anfangen zu überlegen, wenn man zu wirksamen Medikamenten zur Schubtherapie greifen muß.

Was nicht bedeutet, dass man dann – also wenn man doch einen Schub hat oder bekommt und Immunsuppressiva benötigt, nicht mehr impfen kann. Aber optimaler ist es ganz klar, wenn man “ganz entspannt” impft, wenn es Ihnen gut geht und nicht, wenn Ihr Körper grade einen Schub und alles, was damit einhergeht “verarbeiten” muß.

Die Empfehlung lautet, dass man mit den “normalen”  Impfungen: Masern, Mumps , Röteln, Pertussis (das ist Keuchhusten) , Polio (Kinderlähmung) und Diphterie nach Möglichkeit “up to date” sein sollte.

Das gilt ja prinzipiell für alle. Da fragen Sie am besten Ihren Hausarzt.

ABER …

Dazu gleich ein fettes ABER: nämlich die Einschränkung für diejenigen von Ihnen, die tatsächlich schon Immunsuppressive Medikamente erhalten.

Denn  der Impfstoff für Masern, Mumps und Röteln ist ein sogenannter Lebendimpfstoff ! Und Lebendimpfstoffe sind absolut verboten, wenn man immunsuppressive Therapie erhält.

 ?!

Ja, ich weiß…

Es fing an mit “Immunsuppressiva” ( – klar, Abwehr unterdrücken, bestimmte Medikamente. Aber … welche Medikamente waren das jetzt nochmal genau ?),

… dann zu viele Namen von Impfungen und dann:

Lebendimpfstoff ( – Häh ??? )

…. und jetzt wird es schon verwirrend und mancher von Ihnen denkt sich: danke für`s Gespräch, Frau Dr. Weyrauch, ich steig` nicht mehr durch und so bringt mir das Thema Impfen gar nichts !

...nochmal einen Schritt zurück:

Also nochmal einen Schritt zurück: welches sind denn jetzt die Immunsuppressiva ? Dazu zählen: 

Cortison in einer Dosis von mehr als 20 mg (das ist noch wichtig, 5 mg Cortison sind keine systemische Immunsuppression)

Methotrexat (MTX)

Azathioprin

sämtliche Antikörpertherapien (man sagt auch Biologika oder Biosimilars, ist genau das gleiche, wird sozusagen synonym verwendet). Also alles, was Sie (bis auf Tofacitinib, das sind Tabletten) als Infusion oder Injektion bekommen. Der Vollständigkeit halber die Wirkstoffnamen:

Infliximab

Adalimumab

Golimumab

Vedolizumab

Ustekinumab

Tofacitinib

Es gibt ja Antikörpertherapien, von denen es heißt, Sie hätten weniger Nebenwirkungen und würden seltener Infektkomplikationen  machen. Und das ist auch nach allen Daten, die wir haben, absolut richtig.

Für die Überlegungen zu Impfungen spielt dieser Umstand aber keine Rolle. 

Also bei all diesen, die oben stehen, Medikamenten darf man keine Lebendimpfungen erhalten

(also NICHT: Masern, Mumps, Röteln, Varizellen (Windpocken), Gelbfieber, Typhus (wenn man eine Schluckimpfung bekommt) Tuberkulose und Rotavirus (habe noch nie gehört, dass Rotavirus geimpft wird, gehört aber dazu, also … ok)

Und damit der Begriff “Lebendimpfung” etwas klarer wird: Lebendimpfung bedeutet, dass man mit einem abgeschwächten Variante des Virus impft. Normalerweise, also bei gut funktionierendem Abwehrsystem, setzt sich das Immunsystem mit der abgeschwächten Form auseinander und wehrt sich dann dagegen, bildet also schöne wirksame Antikörper und das ist hervorragend.

Wenn das Immunsystem aber geschwächt ist, eben durch die Therapie oder eine grade sehr aktive Erkrankung, kann auch die abgeschwächte Form eines Virus, also genau die Impfung, zu Problemen führen bzw. Sie krank machen.

Die anderen Wirkstoffe heißen “Todimfstoffe“. Da wird mit einer ungefährlichen Variante geimpft, die 0,0 aktiv ist. Das macht auch keinerlei Probleme, kann Sie nicht krank machen. Impfreaktionen kann natürlich geben.

Ein bißchen etwas bedenken muß man auch bei den Todimpfstoffen bei Patienten unter Immunsuppression trotzdem. Nämlich, dass unter immunsuppressiven Medikamenten der Körper nicht immer optimal auf Impfungen anspricht und die jeweiligen Antikörper nicht so bildet wie man sich das vorstellt.

Das hat man ziemlich gut untersucht (..klar!). Und alle Daten, die man hat, scheinen zu bestätigen, dass das “Impfansprechen” auch unter Immunsuppression insgesamt gut ist. Vorausgesetzt Sie erhalten nur 1 Medikament, wenn Immunsuppressiva kombiniert werden ( zB Antikörpertherapie und Azathioprin) sieht die sache schon anders aus.

Gegebenenfalls sollte man die “Antikörpertiter” (wieviel Antikörper haben Sie im Blut) nach der Impfung kontrollieren.

Also schauen, ob der Körper nach der Impfung auch Antikörper gebildet hat.

Diese Kontrollen macht man aber nicht routinemäßig. 

... das zum Allgemeinen !

Schon n bissl nervig, oder ?  Dann gibt es unterschiedliche Impfstoffe, dann hängt es von den Medikamenten ab. Mitunter von der Dosierung …

Aber wie immer – ich schreibe es, damit Sie es wenigstens mal gehört  oder gelesen haben. Und wenn Sie mit Ihrem Hausarzt oder Gastroenterologen über Impfungen sprechen, auf Augenhöhe srechen können. Damit Sie die Eckpunkte der Diskussion kennen.

Das war jetzt heute mal ein “das Feld zum Thema Impfen abstecken” für Sie als Patient mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung.

Wichtig : was für Medikamente nehmen Sie ? Was soll geimpft werden ? 

Und die gute Nachricht (ich liebe gute Nachrichten und wie immer: das Beste zum Schluß !):

Die Impfungen, die wirklich relevant sind und einen Unterschied machen, nämlich grade wen Sie immunsupprimiert sind, nämlich Grippe- Impfung und Pneumokokken Impfung  sind “Todimpfstoffe” und damit erstmal unbedenklich, auch wenn Sie schon unter Immunsuppressiver Therapie stehen. 

Über die 2 schreibe ich konkret im nächsten Artikel. Und über ein paar andere Impfungen, die auch wichtig sind.

Bis dahin erstmal alles Gute für Sie und beste Grüße ! 

Ihre Dr. med. Susanne Weyrauch

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