Das Wie ist wichtig

Meine sehr geehrten Patienten, 

ich freue mich jetzt seit einer Woche, diesen Artikel teilen zu können! Heute also weiter mit Vitamin D – wie subsituiert, also “nimmt” man das denn jetzt eigentlich ? Müssen alle Patienten mit CED, einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, M. Crohn oder Colitis ulcerosa Vitamin D nehmen ?   Und kann man einen Vitamin D -Mangel, wenn er denn da ist, nicht einfach mit der Nahrung bzw bestimmten Nahrungsmitteln ausgleichen ?

Vorab: Ich kenne keinen Patienten mit einer mehr oder weniger aktiven CED, also einem M. Crohn oder einer Colitis ulcerosa, wegen der er oder sie unter Therapie steht, ohne Vitamin D Mangel. 

Diejenigen meiner Patienten, die keinen Vitamin D Mangel haben, sind meist seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, in stabiler Remission, oft stehen sie auch nicht mehr unter spezieller Medikation oder nur unter ganz niedrig dosierten Medikamenten. Mit aktivem M. Crohn oder aktiver Colitis ulcerosa ist Ihr Risiko, einen Vitamin D Mangel zu haben, einfach extrem erhöht.

Und so begeistert wie ich jetzt hier über die Substitution von Vitamin D schreiben werde, in der ganzen „Vitamin D-Sache“ ist wirklich der erste Schritt, überhaupt mal nach dem Wert, also dem Vitamin D Wert im Blut, zu schauen. Denn: so toll Vitamin D ist – wenn es keinen Mangel gibt, ist das schonmal gut. Sehr gut sogar, vielleicht reichen dann immer wieder mal Kontrollen des Wertes und / oder lediglich eine niedrig dosierte Einnahme (letzteres dann vorzugsweise im Winter, aber auch dazu schreibe ich noch was).

Das ist aber – wie gesagt  – bei Patienten mit CED die Ausnahme, sehr selten oder sogar – einfach unwahrscheinlich.

Was ist normal?

Der Vollständigkeit halber (nicht um Sie mit Zahlen zu behelligen! Aber wie immer gilt: Sie sollen informiert sein): der Normwert für Vitamin D liegt so zwischen 35 und 60 ng/ml (oder µg/l). Unter 30 ng/ml (µg/l) oder 25 ng/ml (µg/l)  (da gibt es wirklich unterschiedliche Einschätzungen von verschiedenen medizinischen Fachgesellschaften zu) spricht man von einer “unzureichenden Vitamin D Versorgung”. Und bei Werten unter 20 ng/ml (µg/l) ist es ein handfester Vitamin D-Mangel. Meint: der Körper hat zu wenig davon, um dieses Vitamin nutzen zu können.

Also allererster Schritt bevor Sie jetzt losstürmen und sich einen Vorrat mit Vitamin D Kapseln, Öl etc anlegen: nachschauen, ob es überhaupt einen Mangel gibt. Das beim Arzt machen lassen, schlimmstenfalls ist es eine sogenannte IGeL-Leistung, die Sie selbst zahlen müssen und die sich aber lohnt. Also die Investition tätigen Sie in diesem Falle für Ihre Gesundheit. Sehen Sie es bitte nicht als “Kosten”.

Zur Substitution: in den einschlägigen Drogerieketten in Deutschland gibt’s ja Vitamin D in allen möglichen Formen und in Kombination mit … so ziemlich jedem anderen Vitamin, Enzym etc. 

Wenn Sie mal Zeit haben, lesen Sie mal auf der Packung, wieviel Vitamin D in so einem Präparat drin ist. Von der “Bioverfügbarkeit” – also wieviel davon dann letztlich wirklich vom Körper aufgenommen wird – will ich noch gar nicht reden.

Die Einheit von Vitamin D ist “eigentlich” I.E. (“internationale Einheiten”) – das ist die wirksame Einheit, in der wir als Ärzte “denken” und auch verordnen (bitte nicht durch die andere Einheit (ng/ml oder µg/l ) weiter oben irritieren lassen. Ng/ ml ( oder µg/l) ist die Messeinheit im Blut (Serum), die Einheit I.E. ist eher “absolut”, also ohne “Vergleichsvolumen oder “Bezugsvolumen”. Verwirrend? Sorry!). 

Auf einigen Präparaten steht z.B. eine µg Zahl … Das ist schonmal schwierig. Auch wenn’s nicht direkt “falsch” ist. Aber es ist im Grunde nicht die Einheit, in der man “rechnet”, geschweigedenn verordnet.
Zum Teil sind die „µg“-Angaben auf den Packungen in I.E, “übersetzt”, manchmal auch nicht. Um sich zurechtzufinden: 1 I.E. sind 0,025 µg. (Und ich schreibe es gleich hier: unter 1.000 I.E. müssen wir wenn es an die Substitution geht überhaupt nicht reden! Das wären 25 µg).

Und ich erwähnte die Bioverfügbarkeit, also wieviel von dem Vitamin D wirklich in ihrem Körper, in Ihren Zellen ankommt. Ich weiß nicht, ob sich jemand bei den Produkten, die man überall kaufen kann, darum gekümmert hat. Dabei ist das wichtig. Wenn Sie einen Wirkstoff in den Körper bekommen wollen, wenn Sie wollen, dass der aufgenommen wird, müssen Sie sich dazu schon ein paar Gedanken machen.
(…bringen Sie mal eine Substanz – egal welche – durch den Magen. Den Magen mit der Magensäure. Magensäure ist richtig sauer, also richtig! sauer! Da wird einiges … nein, alles “zersetzt”, dafür ist sie ja genau da).

Qualität entscheidet

Und Sie ahnen es, aus den Zeilen oben ist ja schon eine “Tendenz” zu lesen : ich empfehle Ihnen wirklich : wenn Sie als ein Patient mit chronisch entzündlicher Darmerkrankung einen Vitamin D Mangel haben, bitte lassen Sie sich von Ihrem Arzt ein Rezept schreiben und holen Sie sich ein wirksames medizinisches Produkt aus einer Apotheke. Nur, dass Vitamin D auf der Packung steht und sicher auch in dem Produkt irgendwo enthalten ist, heißt nicht, dass es auch die Qualität hat, die es braucht, um Ihnen zu helfen und Ihre Situation zu verbessern, denn darum geht es.

Jetzt gibt es Vitamin D ja in allen möglichen “Formen”, also fest als Tablette oder Kapsel oder eben als Öl. Bei den Tabletten/ Kapseln, die man in der Apotheke kaufen kann, gibt es Produkte von 1.000 IE bis 20.000 IE. 20 mal so viel. Ziemlicher Unterschied.

Ich schreibe meinen CED-Patienten ehrlichgesagt immer die hohe Dosierung. 20.000 IE auf. Weil – ich schrieb das – die meisten Patienten haben einen Mangel und zwar einen richtigen.

Das bedeutet: bei Vitamin D Mangel (also Werte < 20 ng/ml, die meisten liegen noch darunter) bekommen meine Patienten 20.000 I.E. 2 x / Woche.

Klingt unbestimmt, oder ? Vage –  2 x / Woche. Falls Sie andere Medikamente nehmen, hat Ihnen jemand (vorzugsweise Ihr Arzt) gesagt:” 1 x morgens vor dem Frühstück” oder “immer abends”, “nur nach dem essen”, “bitte gleich nach dem Aufstehen” …

Das ist bei Vitamin D in hoher Dosierung anders. 20.000 I.E. 2 x pro Woche, z.B. montags und donnerstags.

Man kann auch zB Vitamin D Öl entsprechend dosieren und jeden Tag z.B. 6.000 I.E. nehmen.

20.000 I.E. klingt für einige von Ihnen vielleicht viel. Aber man hat das untersucht. Und man hat es auch grade für Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen untersucht. Und es braucht wirklich hohe Dosierungen, um einen richtigen Mangel auszugleichen. Mit 1.000 I.E. / Tag werden Sie das nicht erreichen. Es braucht 20.000 I.E., wenn nicht 40.000 I.E. / Woche. Und das über einen Zeitraum von mindestens 8 – 12 Wochen. Überdosiert werden sie es in der Zeit auf gar keinen Fall haben. Meist braucht man die höheren Dosen sogar über einen längeren Zeitraum.

Um es anschaulicher zu machen: Ich habe schon vor einer Weile mal für meine CED-Sprechstundenpatienten ohne viel Aufwand geschaut, wie sich das so verhält mit dem Vitamin D. Das war jetzt keine hoch-wissenschaftliche Studie, aber mich hatte interessiert zu schauen, wo die Vitamin D Werte meiner Patienten so liegen und wie sie sich unter Substitution (20.000 I.E. 2 x / Woche) entwickeln.  Die wenigsten meiner Patienten hatten Werte über 20 ng/ ml (µg/l).

Die “Guten” hatten so um und bei 24 ng/ ml (µg/l).

Eine Metapher

Lassen Sie mich Ihnen ein Bild geben: stellen Sie sich ein Haus vor. Und unter dem Haus: der Keller. Stufen nach unten, ziemlich finster, man sieht gar nicht, wie weit runter es eigentlich wirklich geht.

So (im Keller… !) waren die Vitamin D Werte meiner Patienten mit einer CED, M. Crohn oder Colitis ulcerosa.

Also habe ich allen Vitamin D aufgeschrieben und  – ich schrieb es:  20.000 IE, immer 2 x / Woche (zB montags und donnerstags, dienstags und freitags, …). Und dann habe ich so nach 2, spätestens 3 Monaten die Werte kontrolliert.

Was glauben Sie ?

Sie waren nicht etwa – bleiben wir bei dem Bild mit dem Haus und dem Keller, ok ? – …die Treppe aus dem Keller hochgeklettert und hatten sich über das Erdgeschoß und den ersten Stock auf den Dachboden hochgearbeitet. Und dann noch durch die Dachluke auf das Dach begeben, wo sie jetzt triumphierend und pfeifend in der Sonne saßen bzw gesessen hätten (Konjunktiv!).

Sicher nicht.

Eher so als würden sie grade mal den ersten Fuß auf die Schwelle zum Erdgeschoss setzen. Sich im Erdgeschoss erstmal an den Türrahmen lehnen und verschnaufen…

Und das war bei allen Patienten so !

Aber – und das finde ich so wichtig – alle (!) Patienten haben auch berichtet, dass Sie sich “fitter” und besser fühlen. Auch mit einem Vitamin D, dass grade mal an der unteren Grenze des Normwertes lag. Schon bei Werten von 28 ng/ml (µg/l) machte es einen Unterschied wenn der Ausgangswert beispielsweise 17 ng/ml (µg/l) gewesen war.

Und wissen Sie, wie mich das freut? Wenn Patienten, die vorher meinen: so schlapp, so matt, so müde!, dann sagen: irgendwas ist besser! Ich fühl mich fitter! 

Das ist mein Ziel, für Sie eine Verbesserung zu erreichen. Eine, die Sie merken.

Bei keinem habe ich gesagt: Vitamin D absetzen.

Bei allen habe ich gesagt: weiter so.

Allenfalls, dass ich gesagt habe : ok  wir können die Dosis reduzieren. Wenn wir vorher 2 Tbl 20.000 I.E.  pro Woche hatten, 1 pro Woche, das war das meiste.

Geht's nicht ohne?

Aber kommen wir denn gar nicht um Tabletten, Tropfen/Öl etc aus? Geht das nicht anders, kann man denn nicht einfach … Spinat essen oder …irgendwas ?

Klare Antwort: Nein. Wir kommen nicht um die „Substitution“ mit Tabletten oder Öl ‘rum.

Vitamin D kann man im Grunde nicht ausreichend mit der Nahrung zu sich nehmen. Es ist zwar in bestimmten Fischsorten, in – besonders rotem – Fleisch, Leber und in Eigelb enthalten. Aber den Bedarf kann man damit sicher nicht decken, geschweigedenn einen Mangel ausgleichen.

Der Körper kann Vitamin D selbst bilden, das haben manche von Ihnen sicher schon einmal gehört. Aber dafür braucht es viel viel viel viel viel…zu viel Sonne bzw. UV-Strahlen. Zu viel.

Zum einen haben wir die in unseren Breitengraden nicht (tatsächlich haben Menschen in südlicheren Regionen seltener einen Vitamin D Mangel) und zum anderen, wenn sie da ist, die liebe Sonne … ist das auch nicht das Richtige. Intensive Sonneneinstrahlung ist einfach nicht das Richtige. Es tut der Haut nicht gut, die UV Strahlung ist wirklich zu hoch, sich immer wieder längere Zeit ohne Schutz in die Sonne zu begeben, erhöht das Hautkrebsrisiko relevant. Und mit Sonnenschutz (also Sun-Block, unter SPF 20 müssen wir gar nicht reden) kommen die UV-Strahlen nicht auf der Haut an, wirken also auch nicht für die Vitamin D Bildung.

Also: ich liebe Sonnenschein (!), Sie tun das auch, er tut uns allen sicher gut, aber wir kriegen Probleme, wenn wir der Sonne und den leider für uns doch schädlichen UV-Strahlen die Vitamin D Bildung überlassen.

Und die letzte Frage, die ich Ihnen beantworten möchte (weil ich eben dachte: was fragen sich die Patienten jetzt wohl noch, wenn sie das hier gelesen haben?): kann man Vitamin D überdosieren?

Theoretisch (und das ist ein “fettes” Theoretisch): Ja. Und zu viel Vitamin D macht Probleme. Eher, wenn man chronisch zu viel nimmt, dann steigt das Calzium zu sehr an, weil Vitamin D eben die Calciumaufnahme in den Körper erhöht. Es kommt zu Verkalkungen im Körper, das geschieht natürlich nicht von heute auf morgen. Dass Vitamin D überdosiert wurde – was selten ist, aber ich möchte, dass Sie es wissen – merkt man oder merken wir als Ärzte objektivierbar an einem zu hohen Calcium- Wert im Blut. Sie merken es an eher unspezifischen Symptomen: schlapp, matt, müde, Übelkeit.

Deswegen muß man den Vitamin D Wert dann doch unter der Substitution immer wieder mal kontrollieren, zusammen mit dem Calcium-Wert, aber insgesamt eher selten, also eher alle 3 bis 4 Monate.

Praktisch habe ich bei relevantem Vitamin D Mangel bei CED unter Substitution noch nie eine “Überdosierung” gesehen. Das ist wirklich eine Rarität.

Vitamin D zählt!

Aber: wir brauchen schon einen Mangel oder niedrigen Vitamin D Wert für eine Substitution. Einfach immer Vitamin D schlucken hat keine Wert.

Vitamin D Mangel ist bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, M. Crohn und Colitis ulcerosa häufig und relevant. Die Substitution in einen normalen Bereich ist absolut wichtig. Aus Angst vor einer Überdosierung zu wenig zu geben oder zu nehmen, ist keine gute Option. Denn zu wenig Vitamin D hat effektiv Nachteile für Sie (lesen Sie es auch gerne nochmal in Folge 4 „Gib mir ein D“).

So, dann wäre einiges über Vitamin D gesagt bzw geschrieben. Jetzt haben Sie den “Game Changer” Vitamin D ein bißchen kennengelernt.

Ich hoffe, möglichst viele von Ihnen haben gedacht : „Ach, deswegen schaut mein Arzt immer wieder danach und ich muß es immer, schon seit Monaten nehmen“.

Und wenn Sie gedacht haben : „Ja, aber, wenn sich das so sehr auf meine Erkrankung auswirkt, wieso schaut denn mein Arzt nicht danach ?!“ – sprechen Sie das ruhig an bei Ihrem nächsten Termin. Wichtig genug ist  es allemal.

Und unten habe ich Ihnen noch einmal 3 neuere Artikel aufgeführt. Es gibt 1.000 davon, in den meisten steht im Großen und Ganzen das Gleiche : Vitamin D zählt ! Und die Information darüber erst recht  I.M. INFORMATION MATTERS.

In diesem Sinne : alles Gute für Sie. Worüber ich nächste Woche schreibe, weiß ich noch nicht – lassen Sie sich überraschen und schauen Sie einfach wieder rein.

Beste Grüße,
Dr. med. Susanne Weyrauch

 

Nielsen Haagen O, Hansen et al. Managing vitamin D deficiency in inflammatory bowel disease.

Frontline Gastroentgerol 2019 10(4):394-400

Fletcher J, Cooper S et al.The Role of Vitamin D in Inflammatory Bowel Disease: Mechanism to Management Nutrients 2019, 11 (5): 1019

Hlavaty T, Krajcovicova A, Payer Jet al.:Vitamin D Therapy in inflammatory bowel disease: who, in what form and how much ? Journal of Crohns Colitis. 2015; 9:198-209

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