Weiß doch jeder ? - ...Calprotectin !

Meine sehr geehrten Patienten !

Viele von Ihnen als Patient mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, einem M. Crohn oder einer Colitis ulcerosa kennen den Calprotectin-Wert sicherlich. (… dann ist der Text hier  möglichweise langweilig für Sie. Und wenn Sie schon alles wissen – akzeptiert ! Dann einfach nicht weiterlesen, danke, dass Sie reingeschaut haben, nächstes Mal wieder.)

Aber auch diesmal kommt das Thema für diesen Blog hier direkt aus meiner Sprechstunde. Und immer wieder führe ich in etwa folgende Konversation (meistens mit Patienten, die neu in der Sprechstunde sind):

“… wir bestimmen mal das Calprotectin.”

“?! … Das Was ?”

“Das Calprotectin. Den Calprotectin-Wert im Stuhl.”

“Ach so.”

“Kennen Sie den Wert ? Wissen Sie, was das ist ? Wissen Sie, was der aussagt ?”

“Mh … mal gehört…, aber nicht so richtig.” oder auch einfach: “Nein.”

Also … einmal mehr: INFORMATION für Sie, heute über Calprotectin.

Dieser Calprotectin-Wert ist wirklich sehr aussagekräftig  und er wird oft bestimmt. Ich möchte fast sagen, wann immer Sie als Patient mit einer CED, einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, einem M. Crohn oder einer Colitis ulcerosa eine Stuhlprobe abgeben, geht es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um das Calprotectin.

Und dieser Wert ist auch zu jedem Zeitpunkt wichtig. Bei Diagnosestellung und im ganzen Krankheitsverlauf. Wenn es Ihnen gut geht, wenn es Ihnen nicht so gut geht und auch, wenn es Ihnen schlecht geht. Calprotectin-Werte werden Sie wahrscheinlich (kann natürlich sein , es gibt auch mal was neues… ) begleiten, solange sie mit der Erkrankung zu tun haben. Und Sie wissen, das ist lange.

...was genau ist eigentlich das Calprotectin ?

Was genau ist dieses Calprotectin ?

Calprotectin ist im Grunde super einfach.

Es kommt in den weißen Blutkörperchen vor und die weißen Blutkörperchen setzen Calprotectin in die Umgebung frei.

Weiße Blutkörperchen sind Entzündungszellen und heißen auch Leukozyten (wissen bestimmt auch einige. Auf den Zetteln mit Ihren Laborwerten steht nicht “weiße Blutkörperchen” sondern: “Leukozyten”). Das bedeutet, sie treten immer dann auf den Plan bzw. werden vom Körper buchstäblich an den Ort des Geschehens gerufen oder geschickt, wenn … jetzt hätte ich fast geschrieben: “es Stress gibt”. Und das ist allenfalls umgangssprachlich, aber wirklich nicht falsch, es trifft den Kern. Immer wenn etwas abgewehrt oder repariert werden muß – sind die Leukozyten vor Ort, ohne Leukozyten geht´s nicht.

Und wenn also irgendwo viele weiße Blutkörperchen oder Leukozyten im Gewebe sind, wird auch viel Calprotectin freigesetzt.

Im Falle einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung (oder generell bei Entzündungen im Darm) ist dann eben viel Calprotectin im Darm bzw. in der Darmschleimhaut und damit ist es dann im Stuhl nachweisbar.

Je mehr Entzündung im Darm, desto mehr Leukozyten (weiße Blutkörperchen) in der Darmwand, desto höher der Calprotectin-Wert im Stuhl.

Das ist .. relativ einfach und ja auch irgendwie einleuchtend, oder ?

 

Wann genau interessiert uns das Calprotectin? ...

Wann genau interessiert uns jetzt das Calprotectin, wann schauen wir danach ?

Ich schrieb ja schon: es ist immer wichtig.

Also immer.

Wenn Sie einen Schub Ihrer CED, Ihres M. Crohn oder Ihrer Colitis ulcerosa hatten und Ihre Beschwerden unter einer Therapie, die begonnen oder intensiviert wurde, schon besser als am Anfang des Schubes sind, aber … noch nicht gut. Und nach ein paar Wochen fragen Sie sich – und ich bzw. Ihr Arzt fragt sich  – : “… sind wir auf dem richtigen Weg mit der Therapie ?” – dann ist es eine hervorragende Idee, nach dem Calprotectin zu schauen !

Wenn Sie in Remission sind (also grade keine Krankheitsaktivität haben) und wir (meint das Arzt Patient-Team) uns fragen, ob wirklich alles stabil ist mit Ihrem M. Crohn oder Ihrer Colitis ulcerosa oder ob sich möglicherweise doch etwas “zusammenbraut” – Calprotectin bestimmen ist auch in so einer Situation sehr hilfreich.

Wenn wir bei Ihnen die Therapie deeskaliert haben, also weniger Therapie machen, evtl. sogar gar keine Therapie mehr machen, weil wir entschieden haben: “Die letzen (4-5) Jahre liefen gut, stabile Remission und der Darm sieht auch gut aus –  wir wagen es mal, weniger zu machen.

(Das ist selten. Aber ich liebe es, wann immer ich mit Patienten diesen Schritt gehen kann.) 

Und damit wir in der Situation alles schön im Blick haben –  ruhig immer wieder mal nach dem Calprotectin schauen.

Und es gibt noch eine anderen Situation, in der das Calprotectin absolut wertvoll ist:

Einige Patienten, bei denen bereits die Diagnose einer CED gestellt wurde – und es sind noch ein paar mehr mit M. Crohn als mit Colitis  ulcerosa – haben zusätzlich zu ihrer chronisch entzündlichen Darmerkrankung Reizdarmbeschwerden. Etwa 30 % aller Patienten mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung (das ist relativ viel) haben immer wieder Beschwerden, die sie  beeinträchtigen, aber nicht mit einer Aktivitätszunahme der CED in Zusammenhang stehen.

Und da kommen dann mitten in der Remission Beschwerden, die aber gar nicht durch mehr Aktivität der CED verursacht sind, sondern eben sogenannte funktionelle Beschwerden, also Reizdarmbeschwerden sind. Und um also abzugrenzen, ob es sich um eine Aktivitätszunahme der CED oder um Reizdarm-Beschwerden handelt  – dafür ist Calpotectin hervorragend geeignet.

 

...Calprotecin bedeutet erstmal: Entzündung!

Dabei ist es gleich, wodurch die Entzündung ausgelöst wird. Also ein hohes Calprotectin beweist nicht oder gibt auch noch nicht einmal einen eindeutigen Hinweis darauf, dass es sich um einen M. Crohn oder eine Colitis ulcerosa handelt. Es zeigte wirklich nur: Entzündung. Aber klarerweise: wenn jemand eine CED hat, denkt man schon zuerst an eine Aktivitätszunahme der Erkrankung.

Es können aber theoretisch auch z.B. durch Salmonellen oder irgendeinen anderen Erreger ( Bakterien, Viren…) verursachte Entzündungen sein. Danach muß man im Falle schauen. Bei Entzündungen, die durch Medikamente verursacht werden, steigt das Calprotectin auch an. (Und bei einer sogenannten “mikroskopischen Colitis” auch, das nur am Rande).

Und: Leukozyten werden auch dann “zur Hilfe gerufen”, wenn bei einer Coloskopie Biopsien (meint Gewebproben) aus der Darmschleimhaut entnommen werden. Denn  dadurch wird praktisch ein Defekt verursacht, der repariert werden muß.

Wie ich`s schon weiter oben geschrieben hatte: Leukozyten (und damit Calprotectin) sind immer zur Stelle wenn etwas abgewehrt oder repariert werden muß (wenn es also eine Entzündung gibt).

 

Wie immer: Ausnahmen... !

Man kann wirklich sagen: je mehr Entzündung im Darm, desto höher das Calprotectin.

Wobei…

(Ohje. Manchmal denke ich selbst: Hey Susanne, jetzt hast du das so schön einfach geschrieben. So kann man sich`s merken und was damit anfangen… Und immer kommt noch ein ABER)

Aber Tatsache – und noch dazu wichtige Tatsache – ist: ein M. Crohn im terminalen Ileum oder noch weiter oben im Dünndarm macht mitunter keine Calprotectin-Erhöhung. Und nach Endoskopien, in denen das Ende vom Dünndarm (das terminale Ileum eben) etwas “wüst” aussieht, eine Stenose zu sehen ist und klar ist: so geht’s nicht weiter , da muß was passieren (also man muß was an der Therapie ändern), habe ich oft Gespräche geführt (und führe sie immer wieder) auf der Basis von:

“… wie kann denn das sein ?! Mir geht’s doch ganz gut und das Calprotectin war doch auch gut zuletzt”.

Also Dünndarmbefall beim M Crohn ist die Ausnahme, die es immer gibt, da kann das Calprotectin trotz relevanter Entzündungsaktivität normal sein.

Und bei einer Proktitis (wenn also wirklich nur die allerletzen cm vom Dickdarm betroffen sind) kann es sich ähnlich verhalten.

 

Wie hoch ist hoch ?

Ok und jetzt fragen Sie sich vielleicht noch: Calprotectin erhöht… ? hoch … ?!

Wann ist das Calprotectin denn so hoch, dass wir uns darum kümmern und darauf reagieren sollten ?

Der “Normwert” geht bis zu 50 mg / kg oder auch µg/g.

Bei Patienten mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, einem M. Crohn oder einer Colitis ulcerosa ist das alles etwas verschoben. Die Erkrankung ist einfach da und Werte bis 200 mg/ kg oder sogar 250 mg/kg sind in dem Fall kein Grund, sofort zu endoskopieren oder die Therapie umzuschmeißen oder sonstiges.

ABER (schon wieder “aber”, furchtbar, ich weiß…): wenn Sie über längere Zeit einen normalen Calprotectin-Wert hatten und dann steigt der auf 250 mg/kg  an oder auch 300 mg/kg  … sollte man im Falle nach 2-3 Monaten nochmal nachschauen, wie er sich entwickelt.

In stabiler Remission kann der Calprotectin-Wert vollkommen normal sein. Oder eben leicht erhöht. 

Man geht davon aus, dass der Calprotectin-Wert Veränderungen bzw Entzündung der Darmschleimhaut anzeigt, die wir noch gar nicht sehen und die Sie auch noch gar nicht merken. Und zwar mit einem Vorlauf von 2-3 Monaten. Bedeutet also, dass der Wert ansteigt, 2-3 Monate bevor Sie etwas merken, also mehr Beschwerden bekommen. Oder wir etwas an der Darmschleimhaut sehen (also falls wir nachschauen, in der Endoskopie).

Das ist so eine Sache. Das habe ich auch schonmal anders erlebt (Nämlich: heute alles gut und 6-8 Wochen später gar nichts mehr gut. Da wäre sowohl der Patient als auch ich für einen kleinen Calprotectin-Anstieg “dankbar” gewesen, um uns ein bißchen vorzubereiten). Aber generell ist es schon so mit den 2-3 Monaten “Vorlauf”.

Es gab auch (und gibt noch) den Ansatz, die gesamte CED-Therapie nach dem Calprotectin-Wert zu steuern. Und zwar um zuverlässiger ein sogenanntes “mucosal healing”  (bedeutet: “ausgeheilte Schleimhaut”, also keine akut entzündlichen Schleimhautveränderungen in der Endoskopie) zu erreichen. Das verbessert nämlich nachweislich die Prognose: je “besser” die Schleimhaut, desto stabiler die Erkrankung, desto weniger Krankenhausaufenthalte, desto weniger OPs. Das zeigen die Daten, die man dazu hat, ganz gut.

Das ist – meiner Meinung nach – auch so eine Sache. Denn wenn der Wert ansteigt, bin ich die erste, die sagt, wir sehen uns nicht erst in 3-4 Monaten sondern in 6-8 Wochen wieder. Aber gleich die Therapie zu ändern oder zu intensivieren, weil sich ein Laborwert verändert hat… Das ist schwer vermittelbar, wenn es Ihnen als Patient dabei gut geht.  

Und wie oft “sollte” man das Calprotectin bestimmen ? Was ist sinnvoll ?

Da gibt jetzt keine ganz festen Vorgaben. Das ganze richtet sich wirklich sehr nach der “Klinik”, also nach Ihren Beschwerden.  Es gibt Situationen, da schaue ich nach 6 Wochen nach, beispielsweise nach einem Schub, nach Therapieumstellung zB. Wenn ich wirklich wissen möchte: stimmt die grobe Richtung.  Das ist aber schon ein wirklich kurzes Intervall, also weniger als 6 Wochen ist eher nicht sinnvoll.

Oft reichen alle 3-4 Monate, wenn sich zum Beispiel nach einem Schub alles wieder einpendelt.

Und bei meinen Patienten in  stabiler und teils auch  langjähriger Remission schauen wir mitunter auch alle 6 oder 8 Monate.  (Bei aller Gründlichkeit – von der ich der größte Fan bin – sage ich immer: Patienten habe auch andere Hobbys als Labor- und Stuhl-Kontrollen …). Aber wie gesagt. es hängt von der Situation ab.

Und wenn Sie sich jetzt fragen: “… wann wurde mein Calprotectin-Wert denn zuletzt bestimmt ? Und wie hoch war er?” – Fragen ! Fragen Sie Ihren Gastroenterologen. 

Und wenn Sie denken: “… wäre es nicht einmal wieder an der Zeit, den Calprotectin-Wert zu bestimmen …?” Auch fragen. 

Dafür schreibe ich Ihnen  das hier. Das ist das ganze Ziel von I.M. INFORMATION MATTERS. Information zählt und macht einen Unterschied für Sie, wenn Sie die Diagnostik, Therapie, und was auch immer sonst rund um das Thema chronisch entzündliche Darmerkrankungen verstehen, Konzepte hinterfragen können und mit Ihrem Arzt auf Augenhöhe sprechen können. 

Und in diesem Sinne Ihnen einmal mehr alles Gute für Sie und beste Grüße !

Ihre Dr. med. Susanne Weyrauch

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